Meine Geschichte

Ich wog 84 Kilo.
Und ich war Ärztin.

Ich erzähle das nicht gern. Aber ohne diese Jahre wüsste ich nicht, was ich heute weiß — und ich würde meinen Patientinnen nicht glauben, wenn sie mir sagen, dass sie alles richtig machen.

Dr. med. Natalie Wiesen
I

Der Befund, den ich selbst nicht erwartet hatte

Prädiabetes. Auf einem Laborbogen mit meinem Namen darauf. Ich hatte Hunderte solcher Befunde gelesen und erklärt. Diesen einen habe ich zweimal gelesen, bevor ich ihn verstanden habe.

Es war nicht die Zahl, die mich erschreckt hat. Es war, was sie bedeutete: Mein Körper war seit Jahren dabei, eine Erkrankung aufzubauen — und ich, mit Doktortitel und Facharztausbildung, hatte es nicht bemerkt. An mir selbst nicht.

Ich hatte mehr medizinisches Wissen als die meisten Menschen um mich herum. Und ich verstand meinen eigenen Körper nicht.“

II

Worüber Ärztinnen nicht sprechen

Ich habe mich geschämt. Nicht ein bisschen unwohl gefühlt — geschämt. Ich stand in weißem Kittel vor Patientinnen und sprach über Blutzucker, über Bewegung, über Gewicht. Und wusste dabei genau, wie mein eigener Befund aussah.

Diese Scham hat mich lange davon abgehalten, das Problem als das zu behandeln, was es war: eine medizinische Frage. Stattdessen habe ich es behandelt wie ein persönliches Versagen. Ich habe es mit mir allein ausgemacht.

Wenn heute eine Frau in meiner Sprechstunde den Blick senkt, während sie über ihr Gewicht spricht, weiß ich sehr genau, was in ihr vorgeht.

III

Ein Versuch nach dem anderen

Ich habe alles gemacht, was man macht. Weniger essen. Mehr Sport. Ein Programm, dann das nächste. Es hat auch funktioniert — für ein paar Wochen. Danach kam das Gewicht zurück, und meistens brachte es etwas mit.

Ich habe daraus den Schluss gezogen, den fast alle daraus ziehen: Ich strenge mich nicht genug an. Dass dieser Schluss falsch war, habe ich erst viel später verstanden.

Was ich damals nicht wusste: Ich habe mit voller Kraft an Stellschrauben gedreht, die gar nicht das Problem waren. Der eigentliche Mechanismus lief unbeobachtet weiter.

IV

Das Bild, das ich nicht mehr wegschieben konnte

Meine Großmutter hatte Diabetes. Ich habe miterlebt, was daraus geworden ist — ein künstlicher Darmausgang, ein Augenlicht, das fast vollständig verschwand. Ich habe sie so in Erinnerung, und ich habe als Ärztin verstanden, welcher Weg dorthin geführt hatte.

An dem Tag, an dem ich meinen eigenen Befund in der Hand hielt, war dieses Bild plötzlich sehr nah. Nicht als Angst — als Klarheit. Ich stand an einem Punkt, an dem dieser Weg noch eine Abzweigung hatte.

Ich habe aufgehört, gegen mein Gewicht zu arbeiten. Und angefangen, meinen Stoffwechsel zu verstehen.

V

Was ich dann getan habe

Ich bin an die Sache herangegangen wie an einen unklaren Fall in der Sprechstunde. Nicht mit einer Vermutung, sondern mit Messungen. Nüchterninsulin. HOMA-Index. Leberwerte. Entzündungsmarker. Später ein Glukosesensor, der aufzeichnete, was jede einzelne Mahlzeit in meinem Körper auslöste.

Und da wurde es unangenehm konkret. Lebensmittel, die ich für unproblematisch hielt, ließen meinen Blutzucker steil ansteigen. Andere, vor denen ich lange Respekt hatte, taten fast nichts. Mein Insulinspiegel kam über den Tag praktisch nie zur Ruhe — und solange das so blieb, war meine Fettverbrennung schlicht nicht zugänglich.

Es war nie eine Frage des Durchhaltens gewesen. Es war eine Frage der Steuerung. Und Steuerung kann man verändern, wenn man weiß, wo die Hebel sitzen.

Wo ich heute stehe

Nicht durch ein Programm. Durch Stoffwechselmedizin.

84
Kilo an meinem
schwersten Punkt
23
Kilo, die seitdem
abgebaut sind
Normbereich
Meine Blutzuckerwerte
heute

Die Zahl auf der Waage ist dabei das, was am wenigsten über die Veränderung sagt. Wichtiger war, was daneben passiert ist: Der Einbruch am frühen Nachmittag blieb aus. Das ständige Denken an Essen hörte auf. Abends war noch etwas übrig.

Es ging nicht schnell. Es war kein Bruch, sondern eine Reihe von Entscheidungen, die ich treffen konnte, weil ich endlich sah, was in meinem Körper vorging.

Warum ich das weitergebe

Ich schaue nicht von außen auf dieses Problem

Es gibt viele, die Frauen ab 45 erklären, was sie tun sollen. Die meisten von ihnen haben nie erlebt, wie es ist, alles richtig zu machen und trotzdem zuzunehmen. Wie es ist, sich vor dem eigenen Spiegelbild zu rechtfertigen.

Ich habe das erlebt. Deshalb beginne ich bei meinen Patientinnen nicht mit Ratschlägen, sondern mit Werten. Erst wenn auf dem Tisch liegt, was tatsächlich blockiert, ergibt der nächste Schritt einen Sinn.

Und deshalb sage ich Frauen, die zu mir kommen, als Erstes einen Satz, den ich damals selbst gebraucht hätte: Es liegt nicht an Ihnen.

Dr. med. Natalie Wiesen Fachärztin · Expertin für metabolische Gesundheit

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